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ILLUSTRATION Die Niederländer Theo van Benthem (l-r), Agnes van Heezik, Louise Bielderman, Tonij Bielderman und Miranda Rösen-Martini sitzen am 10.03.2017 im Garten eines Hauses in Lünne (Landkreis Emsland, Niedersachsen) und blicken in einen niederländischen (l) und in einen deutschen Bildband. Die Niederländer leben in Deutschland nahe der deutsch-niederländischen Grenze. Am 15. März wird in den Niederlanden ein neues Parlament gewählt. Möglicherweise wirkt sich die Wahl von Rechtspopulisten auf die Grenzregion beider Länder aus.

Nexit, onder nicht? Grensregion schaut auf Holland-Wahl
Wilders will Land aus der EU führen – Niederländer auf Deutscher Seite gelassen – Es gibt viele Leute, die sehr unzufrieden sind

Es gibt Kaffee, es gibt Gebäck, gemütlich sitzen an diesem März-Nachmittag vier Niederländer zusammen. Sie leben im Emsland, haben hier im kleinen Örtchen Lünne bei Lingen hübsche Häuschen. Es wird viel gelacht, aber das Thema ist ernst: Wie sieht die Welt nach dem 15. März aus? An diesem Tag wird in den Niederlanden das Parlament gewählt, und die Chancen für den Rechtspopulisten Geert Wilders sind gut. Vielleicht wird seine Partei die größte Fraktion in der Zweiten Kammer des niederländischen Parlaments, vielleicht die zweitstärkste. Fast alle anderen Parteien haben erklärt, nicht mit ihm koalieren zu wollen.

Wie wird die Welt in den Niederlanden und in Europa nach der Welt aussehen? Auch wenn Wilders, der Europa-Feind, der für den «Nexit», dem Ausstieg der Niederlande aus der Europäischen Union steht, nicht in die Regierung kommt, kann es doch sein, dass auch in den Niederlanden Europa-Skeptiker mehr Gewicht bekommen.

Seit Jahrzehnten arbeitet man auf beiden Seiten der deutsch-niederländischen Grenze daran, dass das Trennende zurücktritt, dass die Grenzen weniger wichtig werden. Zum Arbeiten, zum Einkaufen, zum Studieren und für die Freizeit pendeln die Bürger ins jeweils andere Land. Hat man da nicht Angst, dass das alles vorbei sein könnte, mit der Wahl am 15. März? Dass die Hürden wieder größer werden könnten an der Grenze?

«Nein», sagt Theo van Benthem. «Die Angst ist nicht so groß.» Der 66-Jährige war einmal Gefängnisdirektor in Rotterdam und lebt heute in Deutschland, im Emsland. Das Zusammenwachsen Europas sei so weit fortgschritten, das lasse sich nicht so einfach wieder rückgängig machen.

Bei den Wählern Wilders handele es sich oft um Protest-Wähler gegen die anderen Parteien. «Es gibt viele Leute, die in Holland sehr unzufrieden sind», sagt Agnes van Heezik. Sie ist 71 Jahre alt und hat früher als Psychologin im Krankenhaus gearbeitet. Seit 2008 habe es in den Niederlanden einen rigiden Sparkurs gegeben, mit vielen Privatisierungen im Gesundheitssystem, die Leute müssten mehr bezahlen, auch die Versorgung von Alten und Kranken habe die Regierung stärker auf die Familien abgeschoben: «Wilders sagt, ich setze alles zurück.»

Wie in Deutschland auch sind Flüchtlinge ein Thema, erklärt Tonij Bielderman. Es gebe viel Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, gerade für Menschen mit geringer Qualifikation. «Man fühlt sich da nicht wohl dabei, und empfindet, dass die eigene Bevölkerung benachteiligt wird gegenüber Menschen, die auf der Flucht hierhergekommen sind», sagt der frühere Gymnasiallehrer und jetzige Autor von Wirtschafts-Schulbüchern.

Ein paar Kilometer weiter südwestlich ist Daniela Kösters Bügermeisterin der Samtgemeinde Emlichheim. Die 14 000-Einwohnergemeinde grenzt an zwei niederländische Kommunen und betreibt mit der Nachbarstadt Coevorden ein Gewerbegebiet, das in Deutschland und in den Niederlanden liegt. Die niederländische Nachbarregion sei nicht die reichste der Niederlande, und es gebe unter der Bevölkerung viele Sympathisanten der Wilders-Partei PVV, die Arbeitslosigkeit sei recht hoch.

Ihre Amtskollegen auf niederländischer Seite seien aber optimistisch, dass sich die Wahl nicht auf die Beziehungen zu den Nachbarn auswirken werde, sagt die parteilose Politikerin. «Selbst die Wähler, die irgendwie Geert Wilders unterstützen würden, wollen die Freiheit an der Grenze behalten.» Einen «Nexit» werde es nicht geben – «never ever», sagt Kösters.

Dabei äußert sich nicht nur Wilders gegen Europa. Auch andere Politiker hätten im Wahlkampf zum Beispiel mehr Grenzkontrollen gefordert, sagt Rob Welten, Bürgermeister der 22 000 Einwohner zählenden Gemeinde Borne unweit der Grenze. Welten ist Präsident des grenzüberschreitenden Kommunalverbandes Euregio. «Es ist zu befürchten, dass diese Themen wieder auf die Tagesordnung gesetzt werden, auch von europanahen Parteien, denn sie möchten auch denen eine Antwort geben, die Angst und Sorgen haben», sagt der Christdemokrat. Es könnte also Rückschläge geben auf dem Weg zu mehr europäischer Einigkeit. Er glaube aber, dass die meisten Wähler in den Niederlanden weiter auf Europa setzen, trotz aller Kritik an der Bürokratie Brüssels.

«Offene Grenzen sind ein Gewinn für alle, und wir wollen das weiter ausbauen», sagt auch der Lingener Oberbürgermeister Dieter Krone. Auch in der größten Stadt des Emslandes blicke man daher mit einer gewissen Besorgnis ins Nachbarland.

Wie soll es weitergehen nach der Wahl mit den Niederlanden? Viele Parteien treten an, manche sehen darin ein Zeichen für eine zersplitterte Gesellschaft. Er rechne mit langwierigen Koalitionsverhandlungen, sagt Bielderman. Er sei aber optimistisch, dass sich das Klima auch wieder beruhige und dass wieder Rationalität die Politik in seiner Heimat bestimme.